Ankunft im Yukon Territorium
Übernachtung am Lake Laberge
Über Carmacks zum Campbell Highway
Übernachtung am Ufer des Little Salmon Lake
Drei Tage (und einige hundert Dollar...) später...
Übernachtung unter der Yukonbrücke in Carmacks
Übernachtung in Steward Crossing
Auf dem Dempster Highway
Von "Sourdoughs" und "Sour Toes"
Übernachtung in Rock Creek
Zurück in Dawson City
Auf dem Top of the World Highway
Reise mit Hindernissen:
Unterwegs im Yukon
Die Aussicht aus
der Air Canada Maschine ist atemberaubend, das Personal auffallend freundlich,
wie immer. Es ist Ende September, die Herbstfarben haben die verschneiten Rocky
Mountains abgelöst. Schon weit in den Himmel hinauf leuchten uns die bunten
Birken entgegen – ein ergreifender Anblick. Die Kanadierin neben mir im Flugzeug
flüstert mir während dem Landeanflug stolz und mit Tränen in den Augen ins Ohr:
Sehen Sie nur, wie schön – das ist mein Zuhause, Haines Junction!
Nach einer turbulenten Anreise endlich glücklich in Whitehorse, der
Hauptstadt des Yukon, gelandet.
Nun stehen wir etwas müde in der Halle des kleinen Flughafens und klauben Münzen aus dem Portemonnai um zu telefonieren. Wir haben uns einen kleinen 4WD Pickup mit Campingaufsatz gemietet und jemand von der Vermietstation sollte uns eigentlich abholen kommen, doch da ist keiner... Ich rufe also die Firma an und muss feststellen, das die Leute gar nicht mit uns gerechnet haben, da die letzte Woche wegen der Terroranschläge auf NewYork gar keine Flüge durchgeführt worden sind. Die improvisieren aber und kurze Zeit später steht eine Mitarbeiterin mit unserem Auto am Flughafen. Zusammen fahren wir ins Büro, um den aufwendigen Papierkram zu erledigen. Wir sind die letzten Kunden dieser Saison. Ausser uns scheint keiner richtig Lust auf ein Abenteuer in der Natur bei Minus-Temperaturen zu haben.
Wir räumen den Camper mit unseren Sachen ein. Leider ist vieles nur mässig sauber, wie sich erst viel später herausstellen wird. Da man nicht mit uns gerechnet hat, ist die Batterie und der Wassertank noch leer, doch wir beschweren uns nicht, wir sind froh, das man sich überhaupt um uns bemüht und in der Tat sind die Angestellten sehr freundlich.
Zwei Stunden später, es ist bereits Nachmittag, sind wir bereit. Mit einem neuen Stadtplan ausgerüstet (obwohl das bei den wenigen Strassen kaum nötig ist) machen wir uns auf zum nächsten Supermarkt, wo wir uns mit Lebensmitteln für die Reise eindecken wollen. Wir werden die Stadt hinter uns lassen und für einige Wochen in der Natur weilen. Jedenfalls ist das unser Plan...
Wir kaufen uns die nötigen Grundnahrungsmittel und ein Schmerzmittel für Notfälle (Marcel klagt seit der Landung über Zahnschmerzen). Zudem erstehen wir eine Riesenbuddel Trinkwasser mit 16Can$ Depot weil wir ja ökologisch denken und nicht laufend 1Liter-Kanister fortwerfen wollen (am Ende der Reise werden wir wissen, dass man die Flaschen kaum in einem anderen Geschäft nachfüllen kann und die Buddel auch von der Originalverkaufsstelle nicht zurückgenommen wird, geschweige denn das Depot rückbezahlt...)... Wir räumen unsere Lebensmittel ein und wollen uns auf den Weg machen. Zuvor wasche ich mir noch die Hände, doch es kommt kein Wasser. Ich frage Marcel um Rat. Zuerst, wie könnte es anders sein, kommt ein dummer Spruch: "Ich würde mal erst die Wasserpumpe anstellen". Doof – die Wasserpumpe ist natürlich an... Er probiert es selber – und siehe da: es tut sich nichts! Ein dumpfes Brummen ertönt, kein Tröpfchen kommt aus dem Hahn. Wir beschliessen zur Vermietstation zurück zu kehren. Marcel ist zwar gelernter Sanitärinstallateur, trotzdem will er an dem Auto nichts selber reparieren, damit ihm später keiner einen Vorwurf machen kann. Wir fahren also die paar Kilometer zurück zur Camperstation, unterdessen ist später Nachmittag. Wir parkieren unser Auto vor dem Gebäude und lesen schon von da das leuchtend rote Schild in der Türe: ‚Closed for season’. Oh!
Nun muss Marcel doch selber ran. Die Aufgabe heisst: Man suche die
Wasserpumpe. Eine halbe Stunde später (wir kennen mittlerweile fast das gesamte
Innenleben des Campers...) wird Marcel fündig unter einem Trittbrett. Das
Problem ist schnell behoben, durch das Entleeren des Wassertankes für den Winter
hat die Pumpe Luft angesogen.
Dann endlich können wir uns auf den Weg machen.
Wir beschliessen ins nächstbeste staatliche Campground zu fahren.
Unser Camper steht ganz vorne auf den Klippen am Abgrund zum grossen
Lake Laberge, an einer wunderschönen Lage. Marcel bereut, keine Fischerrute
dabeizuhaben, es hätte richtig viele Fische in dem See, weiss er von einem
kurzen Spaziergang zu berichten. Wir sind nahezu die einzigen auf diesem
Campground, nur ein anderes Paar übernachtet 50m entfernt in einem PW mit
Bootsanhänger (Wie wir auf dieser Reise noch feststellen werden, sind wir nahezu
überall alleine). Einige Häuser in der Umgebung und Hundegeheul zeigt uns an,
dass wir uns doch immer noch im Einzugsgebiet der Stadt befinden.
Marcel bereitet uns
unserer erstes warmes Frühstück (wir lieben grosses Frühstück auf Reisen, dies
jeweils möglichst früh morgens) in diesem Urlaub. Verlockender frisch
aufgebrühter Kaffee zieht bis tief unter meinen Schlafsack, wo sogleich meine
Nase auftaucht - schnell ist auch der Rest von mir dem Schlafsack
entschlüpft...das lasse ich mir doch nicht entgehen!
Marcel sagt, er hätte noch immer Zahnweh, obwohl er gestern einige Tabletten genommen hätte. Ich sage zu ihm: "Wir sind immer noch in der Nähe von Whitehorse, willst Du nicht nochmals zurück und zum Zahnarzt, bevor wir zu weit weg sind - wer weiss wo der nächste ist!" Er:" Nein - nein, ich will jetzt endlich weiterfahren, das hatte ich doch schon mal und da hat es auch von selber wieder aufgehört, das ist bestimmt nur vom Druckunterschied beim Fliegen". Damit gebe ich mich zufrieden, denn er bekommt wirklich jedes Mal nach der Landung unmittelbar Zahnschmerzen.
Marcel macht das Geschirr, ich bewundere draussen die schönen herbstlich rotgefärbten Dachwurzarten zwischen den felsigen Abhängen am See vorne und ich lasse es mir nicht nehmen einige Makroaufnahmen davon zu machen. Als ich vom See zurückkomme, prescht ein schwarz-weiss geschecktes Hauskaninchen an mir vorbei, verfolgt von einem streunenden Husky. Ist das nun des Yukons vielgerühmte ‚Wildnis’?
Über Carmacks zum Campbell Highway
Im Laufe des Morgens brechen wir auf.
Unterwegs begegnet uns das zweite Tier in Yukons ‚Wildnis’: Ein ausgerissenes Hausschwein auf dem Highway, verfolgt von seinem Bauern mit einem Pickup......leider habe ich die Kamera nicht ‚schussbereit’, was uns eine Lehre ist - Der Missstand wird sogleich behoben: An der nächstmöglichen Stelle halten wir an und richten den grosszügigen Platz zwischen uns mit der Fotoausrüstung und den griffbereiten Kameras ein.
Wir empfinden die Landschaft als überwältigend. Sumpfige, von kleinen Seen durchzogene, herbstlich rotgetönte Tundra wechselt ab mit sattgelben, weissrindigen Birken und dunkelgrünen Tannen entlang des Highways. Alles ist durchzogen mit geheimnisvoll wirkenden Nebenschwaden. Ab und zu begegnet uns ein Truck, aber sonst so gut wie kein Verkehr. Einfach Traumhaft (wir wollen jetzt unbedingt weg aus dem Einzugsgebiet der Stadt – unsere Ruhe haben).
Wir fahren
nordwärts auf dem Klondike Highway, Richtung Carmacks, wo wir den Yukon River
(hier noch in überschaubarer Breite...) queren und wo wir auf den Aussichtspunkt
zu den ‚Five Finger Rapids’ treffen. Die Sicht ist grandios – besonders jetzt im
Herbst. Bei gutem Wetter kann man hier unendlich viele Stufen zum Yukonufer
hinuntersteigen und bis zu den beeindruckenden Klippen laufen. Angesichts
Marcels zahnschmerzbedingter schlechter Laune lassen wir das aber und fahren
einige Meilen weiter, bis zum Campground oben an der Kreuzung zum Tatchun- und
Frenchman Lake. Dort rasten wir ein wenig und halten Rat darüber, ob wir hier
übernachten sollten, oder ob wir noch ein Stück weiterreisen wollen. Wir
entscheiden uns zur Weiterfahrt, nicht zuletzt deswegen, weil der Campingplatz
zwar idyllisch, doch direkt am Highway liegt. Ausserdem ist erst gerade Mittag
und wir sind noch voller Tatendrang.
Unmittelbar nach diesem Campground biegen wir rechts ab, auf eine
unbenannte Buckelpiste, welche den Klondike Highway mit dem Campbell Highway zu
verbinden scheint (In sämtlichem unserem Kartenmaterial ist die Strasse als
nicht durchgehend eingezeichnet, wir vermuten allerdings schwer...dass die
Strasse durchgehend ist.
Ein Schild weist darauf hin, das diese Strecke nur mit 4WD und bei guter Witterung befahren werden soll. Das scheint ein guter Rat zu sein, denn die 2.5 Tonnen Gewicht auf unserer Ladefläche bringen gewaltige Kräfte mit sich...!
Nichts wie rauf, auf unsere erste ‚Gravelroad’ auf dieser Reise!
Kurze Zeit später
schon sieht unser weisser Pickup aus wie paniert...
An den beiden Seen
unterwegs hat es mehrere inoffizielle Campmöglichkeite. Wo wir auch anhalten
rascheln gerade irgendwelche Viecher, meist Hörnchen oder Hühner im Unterholz
davon.
Im Herbst könnte man
sich hier ausschliesslich von Pilzen ernähren; ich zähle alleine an einer Stelle
rund 40 Schopftintlinge, schade, dass sie schon schwarz sind, die hätte ich mir
sonst nicht entgehen lassen – am Campfeuer zusammen mit einer Tomate und
Kräutern gedünstet und mit geröstetem Toast aufgetunkt wäre das eine delikate
Mahlzeit gewesen, hmmm...
Uns begegnen noch viele solcher Pilznester, oft sogar mitten auf der Strasse. Ich wundere mich, wieso die Einheimischen die Pilze verderben lassen?
Unterwegs hat es
auch 3 offizielle State Campgrounds, jene sind aber noch ziemlich neu und es
fehlt ihnen noch an Charme. Jedoch erwecken die bestimmt Fischer zum Träumen,
denn die Plätze liegen direkt am Seeufer des Tatchun- und Frenchman Lakes,
welche beide speziell zum Fischen aufgestockt wurden. Marcel bereut es einmal
mehr, keine Fischerausrüstung dabeizuhaben...
Die Buckelpiste ist wirklich sehr anspruchsvoll zu fahren und wir benötigen fast 2 Stunden für die knapp 50km. Doch der Aufwand lohnt sich; wir sind auf dem Weg nach Faro – es ist ein sehr schöner Weg – und haben Glück, denn die Strecke ist, wie sich später herausstellen sollte, tatsächlich durchgehend auf den Campbell Highway.
Wir beziehen wegen Marcels Zahnschmerzen, die sich mittlerweile verstärkt hatten, früh am Nachmittag Lager direkt am flachen Ufer des Little Salmon Lake.
Nein, er hat noch immer nicht das Gefühl, wir müssten zu einem Zahnarzt, lieber wirft er sich nochmals ein Schmerzmittel ein, klagt dann auch noch über Magenschmerzen, als eine Folge der Salyzylsäure im Medikament, und ausserdem wird er zusehends ungeniessbarer....
Unsere einzigen Nachbarn sind Jäger, welche einen frisch geschlachteten Elch mit aufgespreiztem Brustkorb auf einem Trailer in der Sonne liegen haben (nicht jedermanns Sache, der Anblick!). Die sind etwa 100m entfernt, ebenfalls direkt am Ufer. Gegen Nachmittag gehen die beiden nochmals mit einem grossen Kanu raus. Marcel macht sich auf, die Gegend zu erkunden
Ich sitze fast den ganzen Nachmittag in der Sonne und lese ein gutes Buch. Ab und zu laufe ich zur Erfrischung barfuss mit hochgekrempelten Hosen ins Wasser, der Boden ist mit flachem, schwarzem Schieferkies bedeckt und das Wasser irre kalt, aber wohltuend.
Marcel berichtet von seinem Spaziergang, ansonsten sagt er nicht viel, legt sich in die Sonne und döst vor sich hin.
Abends gibt’s dann unsere ersten grossen Steaks vom Grill, mit einem kleinen Salat, einer gebackenen Kartoffel mit Sour Cream.
Unser Geschirr waschen wir in ‚Goldgräber-Manier’ im See, indem wir Kiesel darin kreisen lassen...
Marcel erinnert sich an einige witzige Begebenheiten aus seiner Zeit beim Militär und wir verbringen so den restlichen Abend sehr zufrieden – und so ausgelassen es mit Zahnweh eben geht – planschend und ‚Kiesel-hüpfen-lassend’ im glasklaren See.
Übernachtung am Ufer des Little Salmon Lake
Frühmorgens als ich aufwache, sehe ich Marcel schon draussen. Er sei
schon seit Stunden auf, hätte kaum geschlafen. So sieht er auch aus, bleich. Ein
richtig böse geschwollenen Hals hat er. Man darf nicht normal laut sprechen, das
bereite ihm Kopfweh, ausserdem hätte er nun auch noch Ohrenschmerzen, abgesehen
davon, dass er alles wie durch dicke Watte höre – wenn überhaupt. Und das alles
mit Schmerzmittel. Das kann’s ja wohl nicht sein. Tapfer und ohne auch nur ein
bisschen zu jammern fährt er die ersten 100km bis zu der von Carmacks, wo wir
schon gestern den Yukon River überquerten.
Hier, in dieser mit 500 Einwohnern doch grösseren Ortschaft müssen wir tanken. Wir wählen dazu die einzige Tankstelle im Umkreis von 300km.... Ich mache mich aus dem Staub, mit der Begründung, ich müsse mir jetzt unbedingt im Tankstellenshop eine CD kaufen, weil wir keinen Radioempfang hätten und Marcel solle doch im Auto bleiben (ich habe den Ärmsten selten so leiden sehen), ich würde den Diesel gleich mitbezahlen.
An der Kasse frage, ob’s hier in der Stadt wohl einen Zahnarzt gibt?
Der Tankwart strahlt mich an: "Aber selbstverständlich haben wir einen Zahnarzt – er kommt 2x jährlich vorbei, das nächste Mal im nächsten Dezember." Ich grinse ihn an und meine: "Ja, solange warten wir dann wohl besser doch nicht...". Er nickt verständnisvoll und gibt mir das Telefonbuch rüber, und ich darf bei ihm telefonieren um herauszufinden, wo denn der nächste sei.
Hilfsbereit sind sie ja, die Leute des Yukon (was nichts daran ändert, das die nächste Zahnklinik eben doch in Whitehorse stationiert ist...also nochmals zurück nach Whitehorse)!
Im Auto stelle ich Marcel erbarmungslos vor die Wahl, entweder noch 3 Tage
mit diesen Zahnschmerzen bis nach Dawson weiterzufahren und nicht sicher zu
sein, dass der Zahnarzt den’s da oben angeblich haben soll (der aber nicht im
Telefonbuch steht), das Problem beheben kann oder 2 Tage zurück nach Whitehorse
zu fahren wo ich bei einer Zahnklinik einen Termin machen lassen könnte. Er
entscheidet sich für das einzig Richtige, wir biegen von der Tankstelle ab, in
Richtung Whitehorse!
Drei Tage (und einige hundert Dollar...) später...
...Marcel hat es nun hinter sich, ein zeitaufwendiger und teurer Ausflug war das!
Die halbe Zeit nur Autofahren und Wartezimmersitzen, dann die Prozedur beim Zahnarzt welcher erst eine Wurzelbehandlung an dem Zahn machen wollte und ihn dann schlussendlich doch ziehen musste...
Wir sind unterdessen wieder zurück in Carmacks, wo wir unter der Yukonbrücke direkt am Ufer des Yukons übernachten. Marcel geht es schon sichtlich besser und auf dem Retourweg hat er sich selber mit einer neuen Fliegenfischerrute und einer Fischerlinzenz für seine Tapferkeit belohnt J .
Marcel will natürlich unbedingt seine neue Angelrute ausprobieren und stellt sich dazu ohne Köder mit der Rute ans Ufer und schwingt sie rhythmisch. Kaum hat er damit begonnen, als sich von oben auf der Brücke ein Einheimischer nähert. Der rief runter: "Hey – Du da nicht fischen!" Ich ignoriere ihn erst einmal, da ich (noch auf europäisches Verhalten geprägt) denke, da kommt schon der erste motzen. Dann schreit der Mann schon zum dritten mal runter: "Du da nicht fischen!" Darauf rufe ich hoch: "Wieso nicht?" Bellt der Einheimische runter: "Hat keine Fische". Aha..... (wie peinlich)
Ich versuche dem Mann zu erklären: " Er fischt nicht wirklich, er hat keinen Köder dran, die Rute ist neu, er übt bloss damit".
Der Einheimische ungläubig: "Du da nicht fischen?!" (seine Stimme überschlägt sich dabei fast...) Ich wieder: "Nein, verstehen Sie, er fischt doch gar nicht wirklich!" Langsam wird der Mann ein wenig penetrant: "Du da nicht fischen!" Ich rufe hoch: " Wo sollen wir dann fischen, wo ist eine gute Stelle?" Der Mann strahlt über das ganze Gesicht und fängt an mir lauthals von der Brücke herunter zu erzählen, wo er wohnt und das es da zwei Seen gibt, nämlich Lake Gloria 1 und Gloria 2, an welchen man ganz prächtig fischen könnte. Ich bedanke mich überschwänglich (in der Hoffnung, das er endlich verschwinden möge..) und versichere, dass wir da dann morgen fischen gehen werden. Zufrieden trottet er weiter über die Brücke. Von der anderen Seite kommt ein weiterer Einheimischer von der Arbeit. Die beiden begrüssen sich, plaudern ein bisschen und lachen, während der eine zu uns rüber zeigt (haben wohl über uns dumme Touristen gelacht, welche ohne Köder an einem Fluss fischen, an dem es keine Fische hat...J ).
Abendessen gibt’s keines, da Feuermachen bei der Feuchtigkeit unmöglich war und Marcel ohnehin nichts essen durfte
Wenigstens haben wir wettermässig nichts verpasst, es schiffte nämlich den ganzen Tag in Strömen!
Wäre es schöneres Wetter, dann würde bestimmt der ‚Bordwalk’ entlang des Yukons zu einem Spaziergang einladen.
Übernachtung unter der Yukonbrücke in Carmacks
Wir beschliessen die verlorene Zeit nicht ‚aufzuholen’ sondern den Schwenker nach Faro einfach bleiben zu lassen, schliesslich wollen wir kein Rennen gewinnen, sondern eine Reise durchführen. Unser heutiges Ziel ist ein gutes Stück nördlich am Klondike Highway, ein staatliches Campground hinter Steward Crossing.
Unterwegs müssen wir tanken, dumpen und vielleicht noch Milch, Eier und Brot (oder was man hier so für Brot hält...) kaufen, ausserdem haben wir weder ein taugliches Schneidebrettchen noch ein Küchentuch im Camper.
Wir beschliessen dies unterwegs in Pelly Crossing (350 Einwohner) zu organisieren, wenn möglich.
Kaum in Pelly
Crossing angekommen sehen wir sogleich auch schon die Tankstelle, welche auch
hier zentraler und einziger öffentlicher Punkt der Ortschaft zu sein scheint.
Vor dem Eingang brennt etwas undefinierbares wie Abfall lodernd in einem alten
blechernen Ölfass. An der Tankstelle hängt ein handgemaltes Schild welches mit
viel Phantasie als ‚free dumping with fill up’ entziffert werden könnte.
OK. Wir füllen erst mal unseren Treibstofftank auf, dann kaufen wir im kleinen dazugehörigen Gemischtwaren-Laden (ein riesige, aber schmucklose Blockhütte) fehlendes Werkzeug und einige Esswaren, darunter einen riesigen Champignon dessen Hut die Grösse einer Untertasse hat und einen Elefantenknoblauch, der nur aus vier Zehen besteht (wovon jede einzelne in meiner Hand kaum Platz findet). Zum Abendessen werden wir uns den mit einer halben gehackten Knoblauchzehe und einem Stückchen Butter gefüllten Champignon zum Steak grillen.
Wieder draussen verstauen wir unsere neuen Errungenschaften darunter auch ein Päckchen ‚Moose Jerky’ (gepfeffertes Elch-Trockenfleisch.
Nun parkiert Marcel routiniert um, damit wir unseren ‚Blackwater Tank’ leeren können. Er parkiert also perfekt seitlich an den Schacht (ein offenes Blechrohr im Boden zugedeckt mit einer alten Konservendose), nimmt den Abwasser-Schlauch aus der Halterung, schliesst ihn an und will ihn in den Abfluss führen, doch der Schlauch ist zu kurz. Marcel korrigiert die Karre und fährt nicht seitlich daran, sondern exakt über das Loch. Trotzdem: Wir können es kaum glauben, obwohl perfekt parkiert ist der Schlauch noch immer zu kurz.
Der Faltenbalg des Schlauches hängt vom Anschlussstutzen senkrecht runter und ist noch gut 50 cm zu kurz. Ganz abgesehen davon, dass der Ablauf unpraktischerweise im Durchmesser kleiner als unser Abwasserschlauch ist... Marcel murrt irgendwas wie "das MUSS einfach gehen..." zieht sachte am Schlauch und ‚z-z-zpling’ reisst die Schlauchspirale wie eine Zugfeder auseinander und es spritzt nach allen Seiten - bäh.
Zum Glück trägt er wenigstens Arbeitshandschuhe aus Leder, während ich nicht weiss, ob ich jetzt schadenfreudig grinsen oder mich aufregen soll (ich entscheide mich für letzteres, ich will ES ja zukünftig nicht selber machen müssen...).
Jetzt ist der Schlauch NOCH kürzer – Scheisse, im wahrsten Sinne des Wortes! Nachdem der Tank nun ziemlich unelegant geleert und die Schweinerei (igitt!) beseitigt ist, untersuchen wir den Schlauch genauer. So wies aussieht ist das unseren Vorgängern auch schon passiert. Wer weiss, denen davor vielleicht auch schon? Nun ja. Hauptsache der Tank ist leer.
Nur noch schnell Wasser nachfüllen und weiter geht’ s. Nur, hm, das Wasser ist bereits saisonhalber abgestellt. Nein, es täte ihnen leid, sie hätten den Hahn schon entleert und sie könnten kein Wasser anbieten, ich soll doch in der Wäscherei fragen gehen. Gesagt getan, doch auch in der Wäscherei konnte man uns kein Wasser geben, weil auch die draussen schon alles abgestellt haben und die Schläuche von innen nicht bis zum Auto reichen würden. Dann lassen wir das mit dem Wasser vorerst bleiben (später auf der Reise wird sich das noch zu einem echten Problem entwickeln (Dabei habe ich erst gerade beim Zahnarzt im Wartezimmer einen Artikel über Wintercamping im Yukon gelesen – vergesst es Leute!).
Übernachtung in Steward Crossing
Einen tollen Platz haben wir gefunden, ganz vorne an den Klippen des Stewart Rivers. Gut geschlafen haben wir aber trotzdem nicht, weil der Wind wie verrückt blies und einer unser Vorgänger zwischen Ladefläche und Wohn-Auflieger leere Aludosen ‚entsorgt’ hat, welche nachts bei jedem Umdrehen, beim Autofahren und – eben wenn der Wind bläst - laut scheppernd umher kullern...
Weil wir die letzten Tage nirgends Wasser auffüllen konnten (sogar die altmodische Handschwengelpumpe auf dem Campground ist ausser Betrieb) wandert Marcel am Morgen an den Bach runter um uns wenigstens einen Eimer Flusswasser für den Abwasch zu holen. Unser Trinkwasservorrat ist dank der Riesenbuddel nicht in Gefahr.

Heute machen wir uns auf in Richtung Dawson City und wenn die Zeit reicht ein gutes Stück weit hoch, den Dempster Highway zu erkunden.
Eine
sagenhafte Gegend, welche nicht mit Ausdrücken, sondern nur mit Fotos
wiedergegeben werden kann. Es ist eine faszinierend karge Gegend, die dank der
Herbstfarben trotzdem üppig wirkt, auch wenn wir für die volle Farbenpracht gut
so an die zwei Wochen zu spät kamen.
Auf dem Rückweg, unterhalb des Norfolk Passes angekommen halten wir bei einem Tramper mit spanischem Akzent an. Der Ärmste wartete wohl schon den ganzen Tag, ohne das ein Auto kam, aber mit nach vorne wollte er partout auch nicht kommen, selbst wenn er noch eine Nacht hier draussen verbringen müsste, er wolle jetzt erst nach Inuvik (Hat mir SEHR imponiert!), und das in dieser Jahreszeit! Wir wechselten noch ein paar Worte und dann setzte er sich wieder auf seinen Rucksack und fuhr fort mit Block und Bleistift irgendwelche Aufzeichnungen (Ich weiss nicht, Skizzen oder Tagebuch?) zu machen. Auf alle Fälle erinnerte ich mich an die wahre Geschichte des Chris McCandless, welche ich dann sogleich Marcel erzählte.
Am späten Nachmittag wieder zurück an der Kreuzung Dempster Highway / Klondike Highway, will schon wieder ein Anhalter mitgenommen werden. Hey, sorry, sage ich ihm: Kannst gerne mitkommen, aber wir gehen heute noch nicht ganz bis Dawson City, wir gehen nur bis zum Rock Creek.
Das ist ihm dann doch zuwenig weit, und er zieht es entschuldigend vor, an der stark frequentierten Tankstelle weiter vorne nach einem andern Truck Ausschau zu halten.
Kurze Zeit später bezogen wir am Rock Creek in einem kleinen Birkenwäldchen Quartier.
Gray Jays (Grauhäher) belagerten unseren Campingtisch in der Hoffnung
es könnte sich ein Tortilla Chips mit ein wenig Dip auf den Boden verirren -
Pech gehabt! Als dann keines auf den Boden fiel, wurden die ansonsten lustigen
Vögel recht zudringlich und machten auch vor dem heissen Grillrost (und vor den
Steaks) keinen Halt. Stinkfrech sind die – und trotzdem sehr sympathisch. Schon
am Little Salmon Lake hatten wir einige davon fotografiert.
Von "Sourdoughs" und
"Sour Toes"
Hier, generell im Yukon - aber besonders in den Goldgräberregionen wie Dawson City, dreht sich seit jeher alles um den ‚Sourdough’, was von früher kommt, weil die Goldgräber die ihren Sauerteig über den Winter retten konnten einen guten Start in den Sommer zu haben versprachen (weil sie keinen Hunger haben mussten).
Es gibt da aber noch einen erst jungen Brauch, nicht vom Sourdough, sondern vom Sour Toe’, und der geht in aller Kürze etwa so:
Ein findiger Barbesitzer von Dawson City fand in seinem Cabin vor 30 Jahren eine menschliche Zehe. Kein Mensch weiss, von wem die Zehe stammt. Sie wurde konserviert und in Essig eingelegt. Jeder der diese Bar betritt, bekommt diesen Zeh in seinen Drink nach Wahl, man nennt das dann den SourToe-Cocktail. Dann muss der Drink in einem einzigen Zug geleert werden, der Zeh muss dabei unbedingt die Lippen berühren (man darf ihn nicht versehentlich schlucken, sonst muss man selbst einen ‚Nachfolger’ spendieren...!). Anschliessend wirst Du in die weltweite Liste der SourToe-Anhänger aufgenommen, wo bislang rund 13'000 Namen (im Alter von 6 Monaten bis 91 Jahren) alle ‚Mutigen’ erfasst sind.
Nach Anhörung dieses haarsträubenden Brauches werde ich wohl nie wieder eine Essiggurke essen können ohne daran zu denken – ich habe Fotos von der Zehe gesehen – einfach Widerlich! Ich kann es mir gut verkneifen, auf dieser Liste zu stehen...
Morgen wollen wir erst einmal die Goldminen im Umkreis von Dawson inspizieren und danach die Stadt besichtigen. Wenn die Zeit reicht, schaffen wir es vielleicht noch vor dem ersten Schnee über den Zoll nach Alaska.

Ach, und im Übrigen würde ich mich im Yukon nicht auf die Karteneinträge von Tankstellen usw. verlassen. Wir sind x-mal auf geschlossene Tankstellen getroffen. Besser bei jeder Möglichkeit tanken, auch wenn nur ein Schluck reingeht!
Die nun schon gewohnte Wasserbeschaffung mit dem Eimer von nahegelegenen Gewässer ist zu Marcels morgendlicher Aufgabe geworden. So auch heute, auch wenn dieser Fluss hier nur ein Rinnsal ist, verglichen mit dem Yukon River.
Das übliche deftige Frühstück bringt uns auf die Beine – ich mache heute das Frühstück und das heisst: frische hausgemachte ‚Pancakes’ mit Ahornsirup.
Kaum wieder auf dem
Highway, aber noch vor Dawson, biegen wir ab in Richtung Goldminen, Bonanza
Creek and Hunker Creek. Die Strasse sieht recht ordentlich aus, wenn auch
Gravelroad.
Auf alle Fälle ist das Wetter recht vielversprechend, sehr kühl,
aber klar und wolkenfrei und es verspricht sonnig zu werden heute, als wir uns
aufmachen all die Goldfelder der Umgebung zu erkunden. Entlang der Strassen hat
es viele uralte Loghomes, alte verlassene Goldgräberhütten aus der
Goldrauschzeit (Jahrhundertwende), alte Wagenräder davorliegend - ‚dekorativer
Schrott’ - sozusagen. Es ist nicht wie bei uns, hier macht sich niemand die Mühe
altes Zeug wegzuräumen. Es gehört zum Leben dazu.
Eine lange Rundtour führ rund um die Goldminen von Dawson. Eine traumhafte Aussicht bietet sich jedem, der die Strecke auf sich nimmt.
Ein Wildkaninchen
huscht aus dem Gebüsch an uns vorbei, bleibt nur wenige Meter von uns entfernt
auf der Strasse sitzen und blickt uns in einer Mischung aus Neugier und Scheu
an. Das Kaninchen zieht auch andere Gesellen an; hinten am Hügel heult
unheimlich ein Rudel Schlittenhunde was das Zeug hält.
Zwei streunende Hunde (ein Alaskan Malamute und sonst ein schwarzer Teufel) trippeln nervös im Umkreis von etwa 20m um uns herum. Die beiden schleichen sich von hinten an, wenn man sie dann streng anschaut, trippeln sie wieder weg in Richtung ‚Huskie-Geheul’, nur um sich erneut durchs Gebüsch von der andern Seite anzuschleichen.
Unterdessen ist es an der Sonne wirklich sommerlich warm geworden und wir wärmen unsere kalten Knochen auf. Dawson selbst ist eine sehr gepflegte Stadt, welche ihren historischen Hintergrund pflegt. Auf der Suche nach einer Dumping-Möglichkeit haben wir auch gleich die Stadt besichtigt. Wundervoll und viel kleiner, als wir uns das vorgestellt hatten. Und durch die ganze Stadt Gravelroads, man fühlt sich wie ein Statist in einem uraltem Western...
Wir finden
tatsächlich die einzige Dump-Station die im Winter noch geöffnet hat und dürfen
(obwohl Privatanlage) für einen symbolischen Dollar dumpen. Die Station ist im
Moment noch besetzt mit einem Camper aus derselben Vermietstation wie der
unsrige. Marcel und ich hören grinsend dem fluchenden Schweizer Ehepaar zu,
welches sich über einen viel zu kurzen Abflussschlauch ärgert – hähä,
Schadenfreude ist doch die schönste Freude! Die beiden sind übrigens die letzten
Touristen die uns auf unserer Reise noch begegnen sollten.
In Dawson an der Tankstelle treffen wir dann auch noch auf den Anhalter vom der Kreuzung am Dempster Highway gestern, es gibt ein kurzes Hallo, habt ihrs auch geschafft - was für ein Zufall!
Auf dem Weg zur Yukon-Fähre (die ist übrigens staatlich und gratis, wenn auch in einigem Kartenmaterial als fee-ferry eingetragen – es ist also eher eine FREE-ferry!) sehen wir, wie weiter vorne ein mit Matratzen beladener (überladener...) Pickup unterwegs eine Matratze liegen lässt (wird vom Fahrtwind oben abgeblättert, wie ein Blatt Papier) und dies nicht einmal bemerkt (jedenfalls liegt jene immer noch da, als wir eine halbe Stunde später vom tanken kommen...). Wir sind die momentan einzigen die auf die Fähre wollen, also bringen uns die Leute gleich rüber, Off-Season hat also auch Vorteile, ich habe Leute jammern gehört, sie hätte im Sommer 3 h lang auf Service warten müssen, ziemlich lange anbetracht dessen, dass das Übersetzen max. 4Minuten dauert....
Auf dem Top of the World Highway
Wir setzen also über den Yukon River, welcher hier schon eine beeindruckende
Breite aufweist, und wollen den Highway 9, den ‚Top of the World - Highway’
befahren bis über die Grenze nach Alaska.
Der Zoll ist gerade noch 3 Tage
geöffnet (obwohl im Reiseführer steht, der Zoll schliesse am 15.
September.....Bestätigung bringt ein kurzer Anruf im Zoll-Büro selber.), also
schaffen wir das auch noch, es sei denn wir geraten in einen
Schneesturm...
Einmal auf diesem Highway unterwegs, sollte man die Route auch
durchziehen, es gibt die nächsten 6 Stunden keine Tankstellen, keine
Campingplätze (von 3-4 Aussichtspunkten mit Parkplatz und Toilette abgesehen)
und schon gar keine anderen Einrichtungen.
Uns ist das alles aber ganz
recht.
Man kommt hier nur sehr langsam vorwärts, anfangs geht’s noch,
abgesehen von den starken Steigungen, auf dem Grat je nach Gefährt und Witterung
mit etwa 40km/h.
Unterwegs treffen
wir auf das Gebiet der Forty Miles Herd, einer Rentierherde, die sich hier in
der Gegend aufhalten soll. Wir hören wohl Rentiere, wir können sie aber nicht
sehen, der Aussichtspunkt ist im Laufe der Jahre zugewachsen und bietet nicht
mehr wirklich Aussicht.
Wir wollen ohnehin weiter, Rentiere werden wir auf
dieser Reise noch genug sehen. Wir fahren stundenlang auf diesem einfach
sagenhaften ‚Top of the World’ – Highway und nun wird uns auch klar, woher der
Name stammt! Einmal die Reisehöhe erreicht, fährt man stundenlang auf dem Grat
der verschiedenen Bergkrater, wie auf einer Mondlandschaft.

Man fühlt sich stets, wie knapp unter der Wolkendecke, weit über der Welt und das in dieser herbstlich kargen Tundra! Hier kann man noch atmen. Traumhaft – ein MUST für Yukonreisende! (Ich habe keine Worte; da müssen schon meine Fotos für sich sprechen)

Nach etwa 4 Stunden Fahrt erscheint hinter einer Biegung am Ende der Welt (jedenfalls kommt es uns so vor) der amerikanische Zoll........bye-bye Yukon!
Manuela Leder, Natur- und Reisefotografin
mailto: manuela@nature-photographers.com
Interessiert Sie der Yukon oder Kanada als Reiseland im Besonderen?
Dann
darf ich Ihnen folgende Links empfehlen:
http://www.westcanphoto.com/
Western
Canada Through the Camera
http://www.travelworldonline.de/kanada.html
Alles
über Kanada von der Urlaubsplanung bis zu Auswanderungstipps
http://www.clickfish.com/clickfish/guidearea/reiselaender/usa/kanada
Kanada-Forum
und weiterhelfende Tipps
http://www.kanadanews.de/forum/default.html
Kanadanews:
News, Forum und unzählige Reiseberichte