Die Nacktaugenkakadus von Menindee

Schön sind sie nicht – die Nacktaugenkakadus‘. Wer dies behauptet, hat bestimmt den Film der bekannten deutschen Tierfilmern Arendt&Schweiger noch nie gesehen. Sicher, sie sind nicht so bunt wie bekanntere Papageienarten. Little Corellas, wie die Aussie‘s sie nennen, bestechen nicht durch auffällige Schönheit, sondern durch ihre Art, durch ihr Verhalten. Sie sind verspielt wie kleine Kinder. Nur wenige Vogelarten zeigen in freier Natur ein solch ausgeprägtes Sozialverhalten, wie die Nacktaugenkakadus es tun. Wer einmal einen Schwarm dieser Tiere 1:1 erlebt hat, wird von ihnen fasziniert sein, aber auch den Ärger der australischen Farmer vielleicht ein bisschen besser verstehen lernen.

Einer unserer langgehegten Träume war schon immer, einmal einen solchen Kakaduschwarm richtig zu erleben, man kann oft Kakadus in kleinen familiären Gruppen beobachten, wir aber haben noch nie so einen richtig mächtigen Schwarm gesehen, geschweige denn fotografiert. So hat jeder seine fotografischen Ziele und Träume und wir machten uns nach langer Vorbereitungszeit daran, uns selber einige davon zu erfüllen.

Auszug aus meinem Reisetagebuch vom März 2000:

...Ray versprach uns bei der Suche nach Kakaduschwärmen behilflich zu sein. Ich zweifle ein wenig. Nicht an Ray, er hält immer was er verspricht, nein, ich zweifle ein wenig an dem Vorhandensein der Kakadus. Ich will mich einfach nicht zu früh freuen, will mir eine Enttäuschung ersparen. Das Wetter der letzten Tage und Wochen war ziemlich schlecht – gelinde ausgedrückt. Regen, Regen, und nochmals Regen. Anscheinend wurde sogar in Europa über die sintflutartigen Regeneinbrüche die Australiens Neu Süd Wales heimsuchten, berichtet. Horrorbilder von überfluteten Farmen gingen um die Welt. Letzte Nacht mussten wir in Camping-Häuschen flüchten, weil der Boden zum Campieren zu schlammig wurde. Ob die Kakadus auch vor den Wassermassen geflüchtet waren?...

Zwei Tage später:

...Wir sind zu dritt unterwegs in unserem outback-tauglichen Jeep im Westen von Neu Süd Wales in grober Richtung Broken Hill. Zu dritt, das heisst: Ray – unser Freund und Führer, Marcel - mein Ehemann, ebenfalls engagierter Naturfotograf und ich. Unterdessen macht die Welt wieder ein freundlicheres Gesicht und die Wüste beginnt in sämtlichen Farben zu blühen.

Wir sind seit sechs Uhr früh auf den Beinen, haben das frühe Morgenlicht für einige wenige Aufnahmen genutzt. Das rote Land scheint menschenleer. Ab und zu begegnen uns Känguruhjäger auf der Heimfahrt.

Seit langen Stunden sind wir unterwegs. Im Auto ist es unterdessen – trotz Klimaanlage – drückend heiss, das gleichmässige Fahrgeräusch tut ein übriges, ich nicke andauernd ein. Ab und zu weckt Marcel mich, wenn man etwas Interessantes sieht. Doch das ist selten, denn auch die Tiere ziehen sich von der Mittagshitze zurück und halten ein Nickerchen. Ein gutes Stück vor Broken Hill nutzen wir die letzte Gelegenheit: Wir decken uns mit Treibstoff und Lebensmittel-Vorräten ein und verabschieden uns ganz von der letzten spärlichen Zivilisation. Kurz darauf biegen wir links ab, in Richtung Kinchega Nationalpark.
Die Gegend ist wunderschön hier. Trocken, topfeben, keine Bäume, kein Schatten, nur kniehohes Gebüsch und Sand, viel Sand, roter Sand. Wir fahren stundenlang durch dieses endlos scheinende, weite Land auf einer buckeligen Sandpiste, die entfernt an eine Schlittelbahn zuhause erinnert. Die Strecke ist rutschig und anspruchsvoll zu fahren. Der ganze Wagen vibriert, besonders das Steuerrad. Ray, unser Fahrer, muss wohl bald kein Blut mehr in den Armen haben, denke ich amüsiert. Nach einer längeren Pause mit Kaffee aus der Thermosflasche und einem kurzen Spaziergang fühle ich mich wieder frisch und gestärkt. Am späteren Nachmittag entdecken wir eine der seltenen Tannzapfen-Echsen. Wir verbringen einige Zeit damit sie zu fotografieren. Besonders mag sie das aber nicht, wie ein kleiner Drache faucht sie mich mutig an, als ich ihr zu nahe komme. Ich habe die gewünschten Aufnahmen gemacht und gehe ihr darum sogleich aus dem Weg, während sie mit hocherhobenem Haupt davonläuft. Ich bin zufrieden. Für mich ist der Tag gerettet. Für die Echse wohl auch. Schon kommen die ersten Seen des Menindee-Lakesystems in unser Sichtfeld. Die Feuchtigkeit bindet den Staub. Die Luft wird zunehmend frischer. Wir haben unser Ziel bald erreicht. Doch: Werden die Kakaduschwärme auch da sein?

Wir haben den Kinchega-Nationalpark nun durchquert, ab und zu grüssen uns Arbeiter der nahen Baumwollplantage, welche Ray’s Auto erkennen. Er hat viele Freunde hier. Auch an dem Ort wo wir unser Basiscamp aufschlagen wollen. Wir wollen möglichst abgelegen auf Privatgelände von Ray’s Freunden lagern. Langsam wird der Weg schmaler, und ist kaum mehr als solcher zu erkennen. Mir scheint, wir fahren einfach in eine unbestimmte grobe Richtung. Mal taucht rechts ein See auf, mal links. Es hat hier unzählige Bewässerungskanäle. Ich habe keinen blassen Schimmer wo wir uns im Moment befinden, habe komplett die Orientierung verloren. Ohne Wege sieht alles so gleich aus... Ray fährt plötzlich eine Spur langsamer, was Marcel und mich alarmiert, denn nach sovielen Wochen eng zusammen im Busch unterwegs erkennen wir solche wortlosen Zeichen instinktiv. Ray blickt auf den See zu unserer Linken und stellt lächelnd fest: „Die Kakadus sind da." Ich kneife angestrengt die Augen zusammen. Tatsächlich. Inmitten all dieser toten, gräulich weiss ausgebleichten Eukalyptusäste die aus dem Wasser ragen – weisse Kakadus. Unzählige Tiere. Bestimmt etwa 100Stk. schätzen wir. Die Tiere sitzen ruhig da. Ray fährt weiter. Ich will aber jetzt fotografieren! Die Tiere sitzen im schönsten Abendlicht. Ray sagt: ‚Wir müssten jetzt weiter, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit noch unser Lager aufstellen wollen – Sorry - hey, du wirst noch viele Kakadus sehen...‘ Ich ärgere mich. Woher weiss ich denn ob morgen noch schönes Wetter ist, optimales Licht herrscht, ob die Tiere überhaupt noch da sind?! Ich bin komplett enttäuscht, sehe aber ein, dass es gefährlich wäre, erst in der Nacht anzukommen. Schliesslich haben wir kein Zimmer im Hilton bestellt.

Eine halbe Stunde später sind wir da. Einigermassen organisiert beginnen wir unser Boot abzuladen, die Zelte aufzustellen, Holz zu sammeln, Feuer zu machen. Dann erst gönnen wir uns die Zeit unser Areal ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Zudem duftet es am Lagerfeuer schon verlockend nach Steaks, die Ray für uns grillt. Die Lage des Camps ist ideal. Nur wenige Fuss vor dem flachen Seeufer des Tandou-Lakes, in einem lichten Eukalyptus-Wäldchen, auf weichem Sand. Einfach traumhaft – Natur pur. Es hat auch hier einige Kakadus, ich kann sie entfernt hören, einige sitzen sogar in Reichweite über unserem Zelt. Ray meint: ‘Es kommt noch besser!‘ und brutzelt weiter an unserem Fleisch. Marcel schleppt noch mehr Holz an und ich gehe alleine - ich bin kein ängstlicher Typ - auf einen kleinen Rundgang. Viel ist in der Abenddämmerung nicht mehr zu sehen. Ab und zu fliegen Pelikanstaffeln, vereinzelte Kormorane oder kleinere Kakadugruppen mit lautem Gezeter vorüber. Ansonsten ist es friedlich. Ich lehne mich an einen Stamm und beobachte die Kakadugruppen wie sie miteinander in den toten Ästen um den besten Schlafplatz streiten. Es sind hauptsächlich Nacktaugenkakadus, einige vereinzelte Rosakakadus. ‚Nett‘, denke ich gerade, ‚da komme ich ja doch noch zu einigen Schwarmaufnahmen – doch, ganz nett hier.‘

Ich lausche entspannt dem Rauschen der Wellen, als dieses plötzlich näher zu kommen scheint. Ich schüttele leicht amüsiert den Kopf über mich selbst. Wieso soll das Rauschen näher kommen? Oder doch? Ich kriege eine Gänsehaut. Bin ich nicht doch ein wenig zu weit weg von den anderen...?! Es klingt wie eine riesige Sturmfront die direkt auf uns zu kommt. Mich fröstelt plötzlich – was donnert denn da so? Ich bleibe wie angewurzelt stehen, obwohl ich denn Drang verspüre so schnell wie möglich zu den anderen zurückzurennen. Das Land ist topfeben, doch wegen den Bäumen kann ich nichts sehen. Es kommt immer schneller näher, direkt in meine Richtung, es muss ein Hurrikan sein, wie letztes Jahr in Florida. Es läuft mir kalt den Rücken hinunter..... Dann plötzlich erkenne ich: ‚Das ist ja – Kakadugekreisch, kann das sein?! Meine Güte, das müssen Hunderte von Tieren sein!’ denke ich noch - und schon fegen sie wenige Meter über dem Boden mit ohrenbetäubendem Gekreische über mich hinweg... minutenlang sehe ich kein einziges Stück vom Himmel.

Es sind nicht Hunderte, es müssen Abertausende von Tieren sein! Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas erlebt. Mit offenem Mund stehe ich da. Ich bin wie gelähmt. Unheimlich dieses Geräusch von Tausenden von Flügelschlägen.... kaum nachvollziehbar für jemanden, der das noch nie hautnah erlebt hat. Unvorstellbar. Ich bin erstaunt und fasziniert zugleich...

Ich rannte begeistert zum Lager zurück. Die Vögel hatten sich zu ihren Kameraden in die toten Äste im See und am Ufer rund um unser Basislager in die Äste über unseren Zelten gesetzt. (Wir machten vor lauter Gekreisch die halbe Nacht kaum ein Auge zu und genossen es irgendwie auch noch!)

Wir haben den Schwarm noch mehrere Tage begleitet und so einige der eindrücklichsten Fotos unserer Reise gemacht - Dank Ray.

Manuela Leder, Naturfotografin

 

Haben Sie Lust bekommen ein ähnliches Abenteuer zu erleben?

Ray hilft Ihnen gerne weiter:

Ray Ackroyd
P.O. Box 44
Bringelly
NSW, 2171 AUSTRALIA

Interessiert Sie Sie die Art der Nachtaugenkakadus als solches?
Hier finden Sie alles wissenswerte:
http://www.birdworld.com.au/records/cockatoo/litcor.html
http://www.ingrids-welt.de/reise/aus/htm/voekak.htm
http://home.t-online.de/home/riske-media/nackt.htm

Interessiert Sie der oben erwähnte Film über Nacktaugenkakadus?
Lesen Sie mehr darüber:

http://www.amazon.de/